Und morgen vielleicht...

25.04.2026 20:57
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Ein Mann lernt eine Frau kennen erst nur Worte, lose, vorsichtig gesetzt. Doch mit jeder Nachricht schiebt sich etwas darunter, etwas Wärmeres, das bleibt, auch wenn der Bildschirm längst dunkel ist. Pausen werden länger, nicht aus Leere, sondern weil sie gefüllt sind.

Ihr erstes Treffen findet spätabends in einer kleinen Bar statt. Gedämpftes Licht, Stimmengewirr, ihre Knie berühren sich zufällig unter dem Tisch und keiner zieht sie sofort zurück. Beim zweiten Mal sitzen sie in einer warmen Küche, trinken Wein, reden zu lange, zu offen. Als sie sich verabschieden, bleibt sie einen Moment zu nah stehen. Länger, als es nötig wäre.

Dann der Zufall im Park. Zwischen alten Bäumen und flirrendem Licht sehen sie sich plötzlich wieder. Sie bleibt stehen, er auch. Ein Lächeln, das mehr weiß, als gesagt wird. Als sie sich zur Begrüßung vorbeugt, streift ihr Haar sein Gesicht, weich, flüchtig und doch spürbar genug, dass er den Atem anhält. Für einen Sekundenbruchteil sind sie sich so nah, dass alles andere verschwindet.

Die Wochen danach verlieren ihre klare Form. Abende an einem kleinen See, das Wasser dunkel und ruhig, die Luft schwer von Sommer. Sie sitzen nebeneinander im Gras oder auf dem schmalen Steg, oft so dicht, dass ihre Schultern sich berühren. Manchmal rückt keiner weg. Manchmal rückt einer ein kleines Stück näher.

Sie reden und hören gleichzeitig auf die Dinge, die nicht gesagt werden.

Nachrichten werden intimer, ohne es offen zuzugeben. Ein Wort zu viel, ein Emoji zu wenig, kleine Andeutungen, die nachhallen. Nächte, in denen keiner den Chat beenden will.

Er beginnt, jede ihrer Bewegungen zu bemerken. Wie ihr Atem stockt, wenn sie lacht. Wie ihre Lippen sich leicht öffnen, wenn sie nachdenkt. Wie ihre Finger manchmal wie zufällig seinen Arm streifen und einen Moment dort verweilen, als hätten sie sich verirrt.

Und sie? Sie lässt es geschehen. Vielleicht ein bisschen zu bewusst.

Doch da ist diese unsichtbare Linie. Kein Schritt darüber hinaus. Noch nicht.

Eines Abends sitzen sie wieder am See, die Hitze des Tages hängt noch in der Luft. Ein fernes Gewitter flackert am Horizont, lässt den Himmel in kurzen Abständen aufleuchten. Für Sekunden sehen sie sich dann klarer, intensiver fast zu deutlich.

Sie sagt nichts, rückt aber näher. Diesmal ohne Zögern. Sein Arm liegt neben ihrem, ihre Haut streift seine warm, lebendig. Keiner bewegt sich weg.

Er spürt, wie sich alles in ihm darauf zuspitzt. Ein Satz, ein Geständnis, eine Berührung irgendetwas, das dieses fragile Gleichgewicht kippen würde.

Sein Blick sinkt zu ihren Lippen. Bleibt dort.

Sie bemerkt es.

Langsam dreht sie den Kopf zu ihm. So nah jetzt, dass er ihren Atem spürt, gleichmäßig, aber nicht ruhig.

Und morgen? fragt sie leise.

Ein Donnergrollen zieht über den See.

Er atmet ein. Seine Hand hebt sich, zögernd, als müsste sie erst begreifen, was sie will. Zentimeter für Zentimeter nähert sie sich ihrer, bleibt kurz vor ihrer stehen.

Noch kann er zurück.
Noch kann sie es überspielen. Doch keiner von beiden bewegt sich...

ID: 1777143859

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